Rückblick: Vom Hochglanz zum Flachland (und vielleicht zurück)
Erinnert Ihr euch noch an die goldene Ära des Skeuomorphismus? Damals, als App-Icons wie kleine Schmuckstücke wirkten: Das Telefon-Icon glänzte wie frisch polierter Kunststoff, der Kalender hatte eine Papierstruktur zum Anfassen, und die Notizen-App war ein virtuelles Notizbuch mit echtem Leder-Look. Dieses 3D-Design war mehr als nur schön – es half Nutzern, die neue Smartphone-Welt intuitiv zu verstehen.
Dann kam die radikale Wende: Flat Design.
Mit iOS 7 und Googles Material Design wurde alles flacher, minimalistischer, klarer. Keine Schatten, keine Texturen, keine glänzenden Reflexionen – nur noch klare Flächen, kräftige Farben und viel Weißraum. Das war nicht nur ein optischer Trend, sondern eine strategische Entscheidung:
- Bessere Übersicht und schnellere Orientierung
- Optimierte Performance für mobile Geräte
- Kosteneffizienz in Design und Entwicklung
- Leichtere Skalierung auf verschiedene Displaygrößen
Doch wie bei jeder radikalen Designbewegung gab es Nebenwirkungen. Viele Oberflächen verloren ihren individuellen Charakter. App-Icons sahen sich plötzlich verdächtig ähnlich, Betriebssysteme wirkten uniform – fast wie Neubaugebiete, in denen jede Fassade im gleichen Grau gestrichen ist.
Heute, über ein Jahrzehnt später, stehen wir möglicherweise an einem neuen Wendepunkt. Apple bringt mit iOS 26 und dem neuen Liquid Glass Design wieder mehr Materialität, Tiefe und Schichtung ins Spiel. Könnte dies der Beginn einer Rückkehr zu ausdrucksstarken, dreidimensionalen Oberflächen sein – nur diesmal mit moderner Technologie, perfekter Rendering-Performance und Unterstützung durch Künstliche Intelligenz?

ibooks – Apple (2010)
Der Bruch: Warum Flat Design den Markt dominierte
Als Flat Design in den frühen 2010er-Jahren seinen Siegeszug antrat, war das nicht nur ein modischer Spleen aus Cupertino oder Mountain View – es war eine Reaktion auf mehrere sehr handfeste Herausforderungen. Smartphones waren inzwischen Massenware, App-Ökosysteme explodierten, und Design musste skalierbar, schnell und universell verständlich sein.
Flache Oberflächen lösten gleich mehrere Probleme:
- Technische Effizienz – Weniger Texturen und Effekte bedeuteten schnellere Ladezeiten und flüssigere Animationen, selbst auf schwächeren Geräten.
- Kostenvorteil – Ein flaches Icon oder eine minimalistische UI lässt sich schneller gestalten und einfacher anpassen als ein aufwendig geschichtetes 3D-Design.
- Barrierefreiheit – Reduzierte Formen und klare Kontraste machten Interfaces leichter erfassbar, besonders für Nutzer mit Sehschwächen.
- Plattform-Konsistenz – Betriebssysteme wie iOS und Android gaben klare Designrichtlinien vor, die Entwickler einhalten sollten.
Doch die wahre Triebfeder war auch eine psychologische: Nach Jahren voller glänzender Ledertexturen, Schattenwürfe und Holzmaserungen wirkte Flat Design wie ein Frühlingsputz fürs Auge – frisch, aufgeräumt, zukunftsorientiert. Der Look wurde zum Synonym für Modernität.

Das Problem? Was anfangs frisch und modern wirkte, verlor mit der Zeit seine Eigenständigkeit. Die weite Verbreitung führte zu einer visuellen Monokultur: Egal ob Banking-App, Fitness-Tracker oder Smart-Home-Steuerung – viele Designs sahen aus, als wären sie aus demselben Baukasten gefallen. Was einst ein Befreiungsschlag war, entwickelte sich zu einer Art kreativer Gleichschaltung.
Und genau hier setzt der Reiz von Liquid Glass an: ein Designtrend, der Tiefe, Lichtbrechung und Materialschichten zurückbringt – aber ohne in die nostalgische Skeuomorphismus-Falle zu tappen. Dank leistungsstarker GPUs und KI-gestützter Designprozesse könnte dieser Bruch mit dem Flat-Establishment weitreichender sein, als wir es bisher ahnen.
Der Wendepunkt: Liquid Glass und was Apple damit vorhat
Mit iOS 26 setzt Apple auf eine neue Designgeneration: Liquid Glass. Der Name klingt nach einem futuristischen Material aus einem Science-Fiction Streifen, ist aber in Wahrheit ein visueller Ansatz, der Tiefe, Materialität und Lichtspiel zurück ins User Interface bringt.
Was macht Liquid Glass so besonders? Stell dir ein App-Icon nicht mehr als flache Fläche vor, sondern als mehrschichtiges Objekt. Jede Ebene hat ihre eigene Lichtbrechung, eigene Transparenz und subtile Bewegungen, wenn sich das Gerät neigt. Das Ganze wirkt, als hätten die Icons eine haptische Oberfläche, ohne dabei überladen zu wirken. Apple kombiniert hier Elemente aus verschiedenen Design-Äras:
- Skeuomorphismus 2.0 – stilisierte Materialdarstellung statt fotorealistischer Abbildung.
- (Frosted)Glass-Effekte wie schon in macOS Big Sur, diesmal jedoch feiner, dynamischer und stärker in das Interaktionsdesign integriert.
- Parallax- und Tiefeneffekte in Echtzeit, ermöglicht durch moderne GPU-Leistung und optimierte Renderpipelines.
Aus strategischer Sicht ist Liquid Glass mehr als nur „neuer Look“:
- Es schafft Differenzierung in einem Markt, in dem viele Interfaces austauschbar wirken.
- Es ist ein Premium-Statement, das zeigt: „Hier passiert High-End-Design, das technisch anspruchsvoll ist.“
- Es bietet Spielraum für Markenidentität, weil Layer, Lichtstimmung und Farbverläufe individuell gestaltet werden können.
Und hier kommt Künstliche Intelligenz ins Spiel: Was früher ein Alptraum für Design-Teams war – hunderte Icons und UI-Elemente manuell in 3D-Layer zu bauen – kann heute KI-gestützt in Stunden oder Tagen passieren. Modelle generieren Vorschläge, Designer feilen nur noch am Feinschliff. Das heißt: Aufwendiges Design verliert seinen Kostennachteil.
In meinen Augen ist Liquid Glass deshalb nicht nur ein visuelles Upgrade, sondern ein Paradigmenwechsel: Die technische Reife und KI-Unterstützung öffnen die Tür zu einem neuen Zeitalter von User Interfaces, in dem visuelle Tiefe wieder zum Standard werden könnte.
Meine Prognose: Warum KI die Rückkehr von Komplexität ermöglicht
Noch vor ein paar Jahren hätte ein komplettes 3D-Redesign das Budget oft gesprengt. Komplexe Icons, aufwendige Materialsimulationen, unzählige Layer – das bedeutete viele Arbeitsstunden, viele Korrekturschleifen und oft auch viele graue Haare im Designteam. Doch hier betritt Künstliche Intelligenz die Bühne – und das nicht als Spielerei, sondern als echter Gamechanger:
- Vorschläge für komplexe UI-Elemente generieren, die Designer dann nur noch anpassen müssen
- Materialeffekte wie Glas, Metall oder Stoff simulieren, ohne dass jeder Pixel manuell gebaut wird
- Farb- und Lichtvarianten in Sekunden durchspielen, die früher Tage gedauert hätten
- Automatisch unterschiedliche Größen und Plattformvarianten erzeugen, ohne Qualitätsverlust
Das ändert die Spielregeln. Aufwendig ist plötzlich nicht mehr teuer. Und wenn die wirtschaftliche Bremse weg ist, kann sich Design auch wieder mehr in Richtung visueller Vielfalt entwickeln. Statt „alles flach, alles gleich“ könnten wir Interfaces sehen, die wieder charaktervoll sind – ohne dass sich kleine Studios ruinieren müssen.
Natürlich gibt es Risiken. Wenn zu viele Designer dieselben KI-Pipelines und Presets nutzen, droht eine neue Form der ästhetischen Monokultur – diesmal nicht durch Flat Design, sondern durch die „KI-Ästhetik“. Aber ich glaube, dass sich hier mit der Zeit eigene, markenspezifische KI-Workflows etablieren werden, die den Stil einer App unverwechselbar machen.
Deshalb meine Prognose: Liquid Glass könnte nicht nur ein Apple-Experiment sein, sondern der Startschuss für eine neue 3D-Design-Ära, die durch KI nicht nur möglich, sondern auch massentauglich wird. Kurz gesagt: Die Zukunft wird wieder mehr Glanz haben – und das im wahrsten Sinne des Wortes.
Der Blick weit nach vorn: Agenten-Interfaces, Materialtrends und der mögliche Abschied vom klassischen Homescreen
So spannend der aktuelle Material- und Tiefentrend ist – ich glaube, wir stehen erst am Anfang einer noch viel größeren Veränderung. Denn was, wenn wir in ein paar Jahren gar nicht mehr klassische Apps öffnen? Was, wenn ein intelligenter Assistent unsere Aufgaben, Informationen und Kommunikation bündelt – alles über eine zentrale Oberfläche, die uns genau das zeigt, was wir gerade brauchen?
In so einem Szenario könnte der Homescreen, wie wir ihn kennen, verschwinden. Statt einer festen App-Gitterstruktur gäbe es:
- Kontextgesteuerte Ansichten, die sich automatisch an unsere aktuelle Tätigkeit anpassen
- Individuelle Designs, die Nutzer aus Vorlagen wählen oder selbst anpassen können
- Weiche Übergänge zwischen Funktionen statt klar abgegrenzter Einzelanwendungen
Der aktuelle Designtrend wäre demnach nicht mehr primär ein „Markenzeichen“ eines Systems, sondern eine austauschbare visuelle Haut. Und hier setzt meine Skepsis ein: Anfangs würden viele die Möglichkeit zur Individualisierung ausreizen. Doch wie wir es aus anderen Bereichen kennen, setzt nach einer gewissen Zeit Designmüdigkeit ein – und Bequemlichkeit gewinnt. Am Ende könnte die Mehrheit wieder auf einen gut funktionierenden Standard-Look zurückgreifen, der einfach „nicht stört“.

Für uns Designer würde sich damit die Aufgabe verschieben: Weg von der Gestaltung einzelner Apps hin zur Entwicklung visueller Sprachen, die auch in hochgradig personalisierten oder dynamischen Systemen erkennbar bleiben. Die Herausforderung wird sein, dass unsere Arbeit nicht nur „schön aussieht“, sondern auch in unterschiedlichen Kontexten wiedererkennbar, zugänglich und funktional bleibt.
Vielleicht ist das der wahre Wendepunkt: Nicht nur eine neue Ära von Oberflächen, sondern eine Ära, in der Flexibilität und Identität gleichzeitig gefragt sind – und genau dort wird sich entscheiden, wer in der Zukunft des UI-Designs wirklich prägt.
Fazit
Der neue Trend von Liquid Glass zeigt, dass sich UI-Design nicht für immer im Flachland aufhalten muss. Apple macht mit iOS 26 und seiner Interpretation von Glas- und Schichteffekten vor, wie moderne Oberflächen wieder Charakter bekommen können – ohne in den Skeuomorphismus der frühen Smartphone-Jahre zurückzufallen.
Ich bin überzeugt: Mit der richtigen Balance aus Technik, KI-Unterstützung und gestalterischem Gespür können wir wieder Interfaces schaffen, die funktional, schön und unverwechselbar sind. Die Gefahr, dass alles irgendwann wieder gleich aussieht, bleibt – aber das war schon immer die große Versuchung im Design: sich auf Standards auszuruhen.
Vielleicht liegt genau hier die Chance für unsere Branche. Denn am Ende sind es nicht die Tools oder Trends, die bestimmen, wie unsere Interfaces aussehen, sondern die Menschen, die sie gestalten. Und wenn wir eines behalten sollten, dann ist es der Mut, die ausgetretenen Pfade zu verlassen.
Oder um es etwas salopp zu sagen: Der Trend mag uns die Tiefe zurückbringen – aber die eigentliche Tiefe kommt aus unseren Ideen.
